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Wir, das sind Deike Terhorst, Anna Schade, Robin Spitzer und Lukas Kleine-Schütte, haben in Zusammenarbeit mit Dr. Hinnerk Onken das Podcast-Projekt „Visual Histories. Alte Bilder, neuer Blick“ ins Leben gerufen. Wir wollen euch hier die Ergebnisse unserer Auseinandersetzung mit deutschsprachigen (bebilderten) Reiseberichten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentieren. Dabei stellen wir euch nicht nur die Reiseberichte neun verschiedener Autor*innen vor, sondern nehmen auch vier Weltregionen genauer in den Blick. Sämtliche behandelte Werke werden heute nicht mehr neu verlegt, aber können über Antiquariate, Secondhand-Bücherläden oder Bibliotheken akquiriert werden.

Zum Einstieg wird euch Lukas Reiseberichte von Sven Hedin und Ernst Löhndorff vorstellen, die sich in den 1930er Jahren in China aufhielten. Hier wird zum einen das urbane Leben in den südöstlichen Küstenmetropolen und zum anderen die raue innerasiatische Wüste thematisiert. Anschließend vervollständigt Robin die Betrachtung des asiatischen Kontinents mit einem Reisebericht von Alice Schalek über Japan und Korea. Die Autorin interessierte sich insbesondere für das Zusammenspiel aus Tradition und Moderne im Japan der 1920er Jahre. Anna hat sich mit den Reiseberichten von Paul Ettighoffer und Kasimir Edschmid beschäftigt. Beide bereisten Subsahara-Afrika und interessierten sich für das Leben in den ehemals deutschen Kolonien. Die vorläufig letzte Folge unserer Podcast-Serie wird Deike euch präsentieren. Sie hat sich intensiv mit Reiseberichten über Australien und Neuseeland auseinandergesetzt. Dabei betrachtet sie gleich vier verschiedene Autoren. Alfred Manes und Colin Ross liefern Einblicke in die australische und neuseeländische Lebensrealität des frühen 20. Jahrhunderts. Ergänzend hat sie auch die Reiseberichte von Sigfrid Siwertz und John Lawson Stoddard hinzugenommen, um eine größere Vergleichbarkeit herzustellen. Nicht die Regionen selbst sollen Gegenstand der Untersuchung werden, sondern der Blick europäischer Schriftsteller*innen und Fotograf*innen auf das von ihnen besuchte Land. Im Sinne Michel Foucaults sind wir so der Annahme nachgegangen, dass das, was fotografiert wird und wie es fotografiert wird, nicht etwa „zufällig“ oder „objektiv“ ist, sondern dass sich die kulturelle Prägung der Autor*innen in den von ihnen aufgenommenen Fotografien niederschlägt. Somit werden die visuellen Erzeugnisse, ergänzt durch das in der Reiseliteratur Berichtete, zum Zugang für einen kulturgeschichtlichen Erkenntnisgewinn genutzt.

Paul Ettighoffer

Reiseberichte sind auch Zeitzeugenberichte. Ein oft rassistisches und von Stereotypen behaftetes Weltbild ist den von uns untersuchten Reiseberichten immanent. Auch wenn wir uns von der Verwendung diskriminierender Sprache persönlich distanzieren, werden rassistische Bezeichnungen in unseren Podcasts und Präsentationen zum Zwecke der historischen Untersuchung reproduziert.

Im Zuge der europäischen Handels- und Kolonialexpansion seit der Frühen Neuzeit eröffneten sich für Europäer*innen neue Möglichkeiten, das „Fremde“ und „Unbekannte“ außerhalb des heimischen Kontinents zu erfahren. Schon früh etablierten sich Reiseberichte als beliebte literarische Gattung des europäischen Bürgertums. In einer Zeit, in der das Bereisen der übrigen sechs Kontinente nur Wenigen vorbehalten war, prägten diese Wenigen maßgeblich den Blick der Vielen. Unbekannte Landschaften, Kulturen, Religionen und Traditionen – all diese Dinge konnten nun einem größeren Publikum sichtbar gemacht werden, wenn auch aus zweiter Hand.

Sven Hedin (5. von links)

Während sich viele Reiseschriftsteller*innen des 18. und 19. Jahrhunderts bemühten, durch Zeichnungen und Skizzen ihren Eindrücken Nachdruck zu verleihen, so konnte man spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts scheinbar objektive Bilder erfassen, indem man Fotografien anfertigte. Das Abgebildete wurde nun nicht länger als die Imagination eines Individuums angesehen, vielmehr glaubte man, wahrheitsgetreue Bilder erfassen zu können. Zeit und Raum würden in der Fotografie eingefroren, so die Vorstellung. Es handelt sich bei Fotografien jedoch nicht um transparente Dokumente in einer „universalen Sprache“, sondern Roland Barthes zufolge um semiotische Zeichen, deren „Magie“ daraus resultiere, dass ihre vermeintliche Transparenz unterschiedliche Interpretationen jeweils mit Autorität ausstattet. Bezüglich der analytischen Ebene des Blicks (oder der Blickweisen) liegt ihm die Annahme zugrunde, dass verschiedene Betrachter*innen von Bildern diese zwar verschieden „sehen“ – abhängig von ihrem Vorwissen, ihren Einstellungen oder auch ihrer Stimmungslage –, dass es gleichwohl aber Codes gibt, die bei Angehörigen einer Gruppe mit gemeinsamer kultureller Prägung „funktionieren“ (vgl. Onken 2019, S. 53). Dabei kann man bei den Blicken der Betrachter*innen verschiedene Sichtweisen unterscheiden, etwa wissenschaftliche, sehnsüchtige oder historisierende Interpretationen. Das vermeintlich objektive Wissen von Europäer*innen über die Welt gründete und gründet auch heute noch auf Bildern.

Colin Ross mit Kindern

Durch die fortschreitende Verbreitung von Fotoapparaten im frühen 20. Jahrhundert konnten immer häufiger auch Laien auf ihren Reisen Fotografien aufnehmen und so ihre Reiseberichte mit Bildern ausstatten. Als besonderer Durchbruch kann sicher die serienmäßige Herstellung von Kompaktkameras seit den 1920er Jahren gelten. Auch das Genre selbst hatte sich mittlerweile in verschiedene Sub-Genres geteilt. Gebildete Europäer*innen konnten, je nach Interesse, wissenschaftliche, abenteuerliche oder touristische Reiseliteratur konsumieren. Was ihnen jedoch allen gemein ist, ist der Blick von Europa, dem vermeintlichen Nabel der Welt, auf alles, was eben nicht Europa ist. Immer neue Gegensatzpaare wurden entworfen und reproduziert, um das „Fremde“ mit dem „Eigenen“ zu vergleichen und auch um Abgrenzungen und Trennlinien zu erzeugen. Die Gegenüberstellung von „Natur- und Kulturvölkern“, von „Rückständigkeit und Zivilisation“, von „Primitivität und Innovativität“ wurde in den Reiseberichten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts festgeschrieben und durch die Macht der Bilder „geframed“. Diese Praxis wird nach Stuart Hall auch als “Othering” bezeichnet (vgl. Onken 2019, S. 55f.). Die räumliche wie die gedachte kulturelle und „rassische“ Distanz ermöglichte die Projektion von Sehnsüchten und Fantasien, die im Deutschen Reich nicht abbildbar, geschweige denn auslebbar waren.

Der multimediale Charakter von Reiseberichten eröffnet Historiker*innen gleich mehrere Betrachtungsebenen. Diese unterschiedlichen Zugänge werden von uns im Rahmen des Projekts “Visual histories. Alte Bilder, neuer Blick” auch multimedial präsentiert. Besucher*innen können sich so durch die mit Bildern gefüllten Präsentationen klicken und werden zeitgleich, mithilfe eines Audiokommentars, über die Autor*innen, historischen Hintergründe und Details, informiert.

Literatur:

Hinnerk Onken: Ambivalente Bilder. Fotografien und Bildpostkarten aus Südamerika im Deutschen Reich (1880-1930), Bielefeld 2019

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